Von der Realschule an die Waldorfschule [Ein Neustart]

ciao realschule

5 Jahre habe ich studiert – Deutsch, Geschichte, Erziehungswissenschaften. Davon hat mir ein Jahr lang der Kopf nur so geraucht wegen der ersten Examensprüfungen. Zwei Jahre lang habe ich mich durch das Referendariat gekämpft, alle Klassen einmal durch unterrichtet und Material gesammelt. Und jetzt, 7 Jahre später und mit einem Abschluss als Realschullehrerin im Gepäck werde ich … keine Realschullehrerin.

Wieso? Ganz ehrlich – weil der Staat mich nicht will. Weil ich die falschen Fächer studiert habe – die, die jeder studiert und die es jetzt in solchem Ausmaß gibt, dass man damit jede freie Stelle zehnfach stopfen könnte. Wie viele andere Referendare, die dieses Jahr ihr zweites Examen gemacht haben, musste ich mir überlegen, wie es jetzt weitergeht, so ohne Vater Staat. Im Februar begann ich also, Unmengen an Bewerbungen wegzuschicken. Von den meisten davon habe ich bis heute nichts gehört – wahrscheinlich liegen in den Papiertonnen vieler Schulen stapelweise teurer Bewerbungsmappen (kleiner Tipp am Rande für die, die das noch vor sich haben: vorher anrufen und fragen, ob Bedarf besteht, spart eine Menge Geld). Das klingt jetzt so, als hätte ich mich aus reiner Notlage für eine alternative Schulart entschieden. Natürlich war die Einstellungssituation ausschlaggebend, sicher hätte ich auch an der Realschule weiter unterrichtet – aber auf Dauer?

Wieso jetzt aber gerade eine Waldorfschule? Diese Frage haben mir im Nachhinein schon viele gestellt, darunter auch meine zukünftigen Kollegen bei meinem Bewerbungsgespräch. Natürlich musste ich mir Alternativen suchen, habe alle möglichen Schulen. Tatsächlich ging der Großteil meiner Bewerbungen (mit Ausnahme von zweien tatsächlich) an Nichtrealschulen. Konzentriert habe ich mich dabei aber stark auf freie Schulen – Montessori und Waldorf. Weil es Punkte in den zwei Jahren an der Realschule gab, die mich gestört haben und mich manchmal zweifeln lassen haben, ob ich so ganz richtig bin. Meine Beziehung zu meinen Schülern war mir immer wichtig, Wegschauen fiel mir schwer und gegen Wände zu reden, wenn ich auf Probleme in Klassen aufmerksam machen wollte, hat mich doch streckenweise frustriert. Das dicke Fell, das sich viele Lehrer mit der Zeit anschaffen, wollte ich nicht haben.

Was mir ebenso schwer fiel, war das Notengeben, vor allem dann, wenn ich schlechte Noten an Schüler verteilen musste, von denen ich wusste, dass sie sich vorher mit all ihrer Kraft bemüht hatten, den Stoff zu kapieren. An anderen Stellen, vor allem in meinen kleinen Klassen, flossen Tränen wegen einer Zwei. Noten mögen ihre Berechtigung haben, nur für Noten lernen jedoch nicht. Fragt mich doch mal was aus dem Studium – ich kann bis heute nichts mehr erzählen, das ich nicht mit dem Bewusstsein gelernt habe, dass es zu wissen sinnvoll sei.

Manche der Eltern, vor allem in meinen beiden Deutschklassen, habe ich nie gesehen – gerade die Eltern, mit denen ich durchaus gerne einmal gesprochen hätte. Es ist zwar schön, wenn man den Eltern am Elternabend sagen kann, wie gut sich ihr Kind macht, denn genau diese Eltern tauchen auf – wenn man sich aber Sorgen macht, hört man auch auf Nachfrage keinen Piep aus dem Zuhause. Ich glaube auch, dass viele besorgte Eltern sich nicht melden wollten und manche haben sich mit Händen und Füßen gewehrt, wenn man sie darauf aufmerksam machen wollte, dass ihr Kind ein Problem hat, an dem man mit Hilfe arbeiten könnte. Am Elternabend hatte ich Eltern vor mir sitzen, die völlig erstaunt waren, dass ich zu ihren Kindern auch etwas Positives zu sagen hatte, nachdem es scheinbar vorher nur Kritik gehagelt hatte. Das Verhältnis zwischen Eltern und Lehrern war gefühlt manchmal ein Antagonistisches, das in extremen Fällen auf den Schultern der Kinder ausgetragen wurde.

Sicher habe ich mit meinen zwei Jahren nicht die Berufserfahrung, die ein Realschullehrer nach Jahren im Dienst hat – wer weiß, wie ich in einigen Jahren unterrichtet hätte. Ich will mich sicher auch nicht über meine älteren Kollegen stellen. Ich möchte einfach nur bezweifeln, dass es das ist, was ich in ein paar Jahren für _mich_ möchte. Ich möchte eine enge Beziehung zu meinen Schülern, ich möchte sinnvoll mit ihren Eltern zusammenarbeiten und ich möchte sie für ihre Leistung loben oder womöglich auch tadeln können, gemessen an ihren Bemühungen und Fähigkeiten und nicht an einem Klassendurchschnitt in Zahlen.

Das kann ich jetzt…

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5 thoughts on “Von der Realschule an die Waldorfschule [Ein Neustart]

  1. Montessori mag ich total gern. Habe in meiner Ausbildung zur Erzieherin auch mal in einem solchen Kindergarten gearbeitet. Waldorf mag ich bedingt. Ich finde den pädagogischen Ansatz gut, mag den Steiner aber einfach nicht 😉 Bin gespannt von Deinen Erfahrungen zu lesen! =)

    • Ich bin auch kein Mensch, der eine einzelne Person so hoch hält. Steiner hat viel Richtiges gesagt, was Pädagogen auch heute noch bestätigen, nur auf manchmal durchaus seltsame Weise (; Und manches war vielleicht im zeitlichen Kontext noch nicht so kritisch wie es heute ist (da gibt es ja ganze Diskussionen um ein einziges Wort….).
      Ich denke auch, dass jede Schule anders ist, wie extrem sie sich an das hält, was Steiner so gesagt hat, das zieht sich ja bis ins Essen hinein.

  2. Das mit den Noten ist so eine Sache. Ich stehe dabei gerade erst am Anfang, aber in der Uni habe ich eigentlich verinnerlicht, dass Noten null komma nichts aussagen und das fällt mir bei der Notenvergabe auch auf die Füße gerade. Andererseits schauen potentielle Arbeitgeber auf die Noten, da wird man u.U. wg schlechter Noten aussortiert oder darf gar nicht erst das gewünschte Fach studieren. Deshalb ist es schwierig keine Noten zu geben und wenn man nur gute Noten vergibt, dann hat man, wie man an dieser bayrischen Grundschullehrerin, die ein Buch schrieb (Sabine irgendwas?), sehen kann, als Lehrer ein richtiges Problem.

    Mich würde interessieren, wie das ist, wenn die Waldorfschüler dann nach der 10 abgehen um das Abi zu machen und dann m.E. einen Schock bekommen dürften. ich würde mich freuen, wenn du dazu irgendwann einmal deine Erfahrungen aufschreiben könntest!

    Erst einmal alles Gute für den Neustart!

    • Wie das mit den Noten genau ist und wie es nach der Zehnten weitergeht, das erkläre ich noch in einem Artikel. (: Es ist auch nicht so, als würden die Schüler gar keine Rückmeldung bekommen – die sieht nur eher so aus wie das, was wir sonst unter Deutschaufsätze schreiben – das kannst du gut und das musst du noch üben. Je älter sie werden, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie auch nach Noten fragen, dann kann man auch mal angeben: das wäre eine Soundso gewesen. Sie stehen nur schlicht nicht als Ziffern im Zeugnis.
      Es gibt auch Waldorfschulen, an denen man Abitur machen kann, dort arbeite ich nur nicht, weil ich kein Examen für Sek II hab. (: Und wenn die Schüler auf normale Schulen wechseln, bekommen sie auch ein Zeugnis mit Noten drauf.

  3. Ich bin dir gefolgt, hallo 😀 Das Layout ist total schön. Ich finde es toll, dass du dich aus solchen Gründen für eine Waldorfschule entschieden hast. Viel mehr Lehrer müssten so wie du denken und sich gegen das dicke Fell sträuben, das wäre schön. Ich wünsch dir viel Erfolg und Spaß an deiner neuen Schule und freu mich auf deine Erzählungen 🙂

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